Esslinger Zeitung vom 01. Oktober 2010

Foto: Bulgrin

Die Wortkunst ist angekommen

 ESSLINGEN: „Rosen’s Lyrik-Salon“ feiert erfolgreiche Premiere in der Spinnerei - Zur Eröffnung volles Haus
Von Angelina Schmid

Ehrlich gesagt hätte Gastgeber Andreas Roos nicht mit einem solchen Andrang zur Premiere von »Rosens Lyrik-Salon« gerechnet, wie er zugab: "Ich hatte ein bisschen Angst vor einer Enttäuschung." Doch genau das Gegenteil war der Fall: Von den Besuchern in der Spinnerei des Vereins Kultur am Rande musste am Mittwochabend der eine oder andere sogar stehen.

Englisch nur für den Songwriter
Die von außen eher unauffällige Räumlichkeit verfügt innen über ihren eigenen Charme: Fünf Holzstufen muss der Gast herabsteigen, um zu den Sitzplätzen zu gelangen. Die wirken etwas provisorisch: Verschiedene Stühle, manche ohne Lehne, manche mit, und dazu zwei Bierbänke; wer es bequemer mag, bekommt auch ein Sitzkissen. Roman Wreden eröffnete die Veranstaltung. Der Songwriter mit den schulterlangen, lockigen Haaren hatte noch ein weiteres Privileg:

Er durfte englische Lieder präsentieren, was den später folgenden Lyrikern verboten war. Mit viel Gefühl trug er seine Songs vor und begleitete sich selbst dazu auf der Gitarre. "Ich bin ein wenig aufgeregt", gab Wreden zu. "Normalerweise habe ich viel mehr Technik zur Verfügung - bei dem kleinen Raum braucht man die aber nicht." Seine Darbietungen, die zwischen den einzelnen Lesungen erfolgten, endeten meist mit einem schüchternen "Danke", erst dann traute sich das Publikum zu klatschen.
Als nächstes folgte Astrid Eichner, die in Hegensberg wohnt. Ihre Gedichte schreibt sie in drei Sprachen: Englisch, Deutsch und Schwäbisch. In ihren Texten herrschen manchmal ernste Töne ("Wenn ich einmal sterben muss"), dann wieder bringt sie das Publikum mit einer Abhandlung über "113 Spülungen" zum Lachen. Weshalb man so viele unterschiedliche Spülungsvarianten brauche, fragte die Dichterin und gab sich selbst die Antwort: "Drei Flascha däded wahrlich roicha - no kasch "normal" sei odr "feiner" oder von dene boide koiner."

Ungereimtheiten
Karl Rüdiger Marion, der Betreiber des Cafés zur Sonne

in der Küferstraße, las aus seinem dreibändigen Werk "Ungereimtheiten 1 bis 78". Nach ein paar Gedichten durfte dann das Publikum entscheiden, welche weiteren Ungereimtheiten gelesen werden. Zu gerne hätten die Besucher die Nummer 60 ("Ode an die Selbstbefriedigung")zu Ende gehört, doch gerade an der spannendsten Stelle brach Marion ab. Die 61 brachte dann nicht die erhoffte Fortsetzung - sondern setzte mit dem "Kirchenlied" einen starken Kontrast. Diese zwei Welten entdeckt Marion auch in sich selbst wieder: "Die lustvolle Welt ist mehr Rüdiger, der Karl mit seinem Kaffeehaus ist dagegen eher der Pflichtbewusste." Ein letztes Stück von Roman Wreden beendete die zweistündige Premiere.

Gastgeber Andreas Roos zeigte sich mit dem Ergebnis "überzufrieden". Auch die nächsten Lesungen sind gesichert, denn 15 weitere Künstler warten schon darauf, ihre Werke vorzutragen.